Buchangaben

 

Marva Aurin: Stella das Ohrenmädchen – ein sensitives Kind erlauscht die Welt von innen;
Futurum Verlag Basel; 262 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-85636-222-5;
Preis: CHF 25.80 / EUR 19.90

 

 

Die Geschichte, die uns Marva Aurin (Heilpädagogin, geboren 1969 in Stuttgart, Mutter von drei Kindern) von Stella dem Ohrenmädchen erzählt, ist eine berührende und wahre Geschichte. Marva Aurin nimmt uns auf eine seelische Entwicklungsreise mit und lässt uns am Aufwachsen von Stella teilhaben, vom Alter von drei bis zu 21 Jahren. Sie erzählt uns das äussere und vor allem innere Leben eines Mädchens, das sich in die Welt hineinhören kann. Mit ihrem Gehör schlüpft Stella in die Menschen, in die Wolken, in den Regen, in die Steine. Sich hörend in die Welt einfühlend, versteht sie die Welt, erlebt die Welt in sich und sich in der Welt.

 

Durch ihre Gabe, das Innere der Welt zu hören, lebt Stella viel stärker in ihrer seelischen als in der irdischen Welt. Es fällt ihr schwer, sich in die irdische Welt einzuleben. Sie wird von ihren Mitmenschen nicht verstanden, oft auch nicht von ihren Eltern, die sie sehr lieben, und sie fühlt sich unverstanden. Dieses Unverständnis der Menschen führt dazu, dass Stella sich dumm und unfähig fühlt und sich gegenüber ihren Mitmenschen verschliesst.

 

Die Schule wird zeitweise zu einem Martyrium. In der ersten Klasse geschieht ihr dies:

 

Nur eines kann Stella nicht. Sie kann die Buchstaben nicht lernen. Es ist als erzähle der Lehrer etwas völlig anderes, als was sie in den verschiedenen Lauten erlauscht.

Erst kürzlich hat die Klasse das „W“ gelernt. Der Lehrer hat dazu eine Geschichte mit dem Wasser und den Wellen erzählt. Danach hat er mit blauer Farbe und in runder Form das „W“ an die Tafel gemalt. Die Kinder sollten es abmalen. Stelle schlägt ihr Heft auf, nimmt den blauen Stift und beginnt zu malen. Sie hört, wie sich in ihr alles zu bewegen beginnt. Die Wellenlinie auf dem Papier bekommt einen Rhythmus, leise und dennoch hörbar. Dazu diese schöne blaue Farbe und nicht zuletzt die Form. Sie liebt es, immer und immer wieder mit dem blauen Stift die Form nachzuzeichnen, in ihrem inneren Rhythmus. Es pocht und wässert in ihr, klingt und tönt und sie ist ganz in diesem „W“ geborgen, hat sich da hineinbegeben, ist selber „W“. Es ist ein herrliches Gefühl und sie freut sich tief drinnen über diese Art starken Gleichmuts, der da tönt. Immer wieder und wieder malt sie über ihr „W“ im Heft, bis die runden Striche zu dicken Würsten werden und es kaum noch zu erkennen ist.

 

Dann beendet die Klasse das Zeichnen und der Lehrer will von den Kindern wissen, welche Worte wohl mit diesem Buchstaben beginnen. Viele Kinder melden sich und sagen: „Wasser“, „Wald“, „Wade“, „Wicht“ usw. Doch Stella sucht fieberhaft nach Worten, die mit dem „W“ beginnen. Aber sie kann keines finden. Sie hört nur den Rhythmus dieses Buchstabens, den Rhythmus dieses wundersamen Klangs, wenn er gesprochen wird. Es tönt wie ein rhythmischer Hauch. Genau das ist es. Ja. Ein rhythmischer Hauch. Sie ist glücklich, dass es ihr eingefallen ist, und sie meldete sich. Der Lehrer ruft sie auf und sie sagt laut und stolz: „Rhythmischer Hauch!“ Die Klasse bricht augenblicklich in ein schallendes Gelächter aus. Allein der Lehrer bleibt ernst und Stella hört seine Ratlosigkeit zwischen dem ohrenbetäubenden Gelächter hindurch. Die Kinder zeigen mit dem Zeigefinger auf Stella, tuscheln, flüstern und es ist so laut und unruhig in der Klasse, dass Stella entsetzt die Augen aufreisst. Hat sie denn nicht Recht gehabt mit der Bemerkung? Warum ist das nicht richtig? Sie spürt eine ungeheure Scham in sich auftauchen, die ihr fast den Atem nimmt. Inzwischen ist es stiller geworden in der Klasse und alle sind gespannt, was der Lehrer jetzt zu ihr sagen wird. Gerade diese gespannte Stille, diese Schadenfreude, die viele der Kinder so stark durchleben, gellt in Stella.

 

Sie wünscht sich fort, weit weit fort. Aber sie sitzt da wie versteinert und es lärmt so sehr in ihr, dass sie den Tränen nahe ist. Sie spürt bereits ihre übervollen Augen, weiss aber gleichzeitig, wenn sie jetzt auch noch zu heulen anfinge, dann wäre wohl alles n och viel schlimmer. Also reisst sie sich zusammen, hält auch ihre Ohren nicht zu, obwohl sie es so gerne getan hätte. Doch sie spürt, dass es für die anderen komisch aussehen würde, wenn sie sich ihre Ohren zuhielte. Also sitzt sie einen ewigen Moment lang wie angewurzelt auf ihrem Stuhl, wie eine Maus, die von der Katze entdeckt ist und ergeben auf ihr Ende wartet.

 

Das ist nicht richtig“ antwortet der Lehrer endlich, „denn das sind Worte, die das „W“ nicht am Beginn haben. Im Wort „rhyth-mi-scher“ ist kein „W“ und keines am Beginn, verstehst Du?“ Stella nickt, obwohl sie kein Wort verstanden hat. Sie hat nur verstanden, dass das „W“ ein „rhythmischer Hauch“ ist.

 

Nach diesem Ereignis beschliesst Stella, sich in Zukunft nur noch zu melden, wenn sie sich ganz sicher ist, aber sie fragt sich gleichzeitig, ob sie überhaupt jemals sicher ist, und beschliesst dann, sich lieber gart nicht mehr zu melden, weil sie ja nicht weiss, wann sie sicher ist und wie viel sie sich sicher sein kann… Sie sieht ein, dass die Dinge anders liegen, als sie das weiss und deshalb betrachtet sie sich als eine, die schlechter ist als die anderen, denn wenn alle die Dinge so gut wissen und ihr – Stellas – Wissen so falsch ist, werden die Anderen Recht haben und sie wird im Unrecht sein.

 

Aber mit Hilfe einzelner Menschen, die sich zu ihr hingezogen fühlen, gelingt es Stella, ihren ganz eigenen Weg in die Welt und zu sich selber zu finden. Nach der Schule und nach Enttäuschungen bei der Suche nach einem passenden Beruf, beschliesst sie, das Leben und die Menschen zu ihrer Universität zu machen und als Bahnhofsklofrau den Menschen zu helfen. Sie lernt dabei die bösen Gefühle der Menschen zu hören und auszuhalten und dadurch zu verwandeln. Zwar wird sie dort von einem hasserfüllten Vorgesetzten entlassen, aber sie wird ihren Weg im Leben finden.

 

Die Geschichte von Stella dem Ohrenmädchen ist in mancher Hinsicht wunderbar. Erstens ist sie wunderbar seelisch wahr, auch wenn es Stella so als Persönlichkeit nicht gibt. Zweitens ist Stellas Geschichte voller kleiner seelischer Wunder, freudiger und trauriger. Wenn man sich mit Seelenkunde, insbesondere anthroposophisch erweiterter Seelenkunde, beschäftigt, dann findet man in Stellas präzisen Beschreibungen ihrer inneren Erlebnisse viel Übereinstimmung mit Aussagen Rudolf Steiners zur Seele des Menschen und ihrer Entwicklung. Drittens ist das Buch wunderbar poetisch. Marva Aurin findet zur Beschreibung von Stellas Seelenerlebnissen ganz neue Wörter, die zwar für den rationalen Verstand nebulös und unverständlich sind, es aber ermöglichen, präzise innere Bilder zu entwickeln und sich so in Stella einzufühlen und sie zu verstehen. Viertens ist Stellas Geschichte wunderbar spannend und überraschend, im äusseren Ablauf wie auch in der inneren Entwicklung. Und fünftens ist die Geschichte von Stella wunderbar einleuchtend. Sie ermöglicht uns „normal begabten“ bzw. „normal behinderten“ Menschen, uns in ein besonderes Kind einzuhören und seine innere Welt und sein sich daraus ergebendes äusseres Verhalten zu verstehen. Damit kann uns Stella das Ohrenmädchen den Zugang zu anderen besonderen Menschen und Kindern öffnen.

 

 

Wie kam es dazu, dass Sie das Buch „Stella, das Ohrenmädchen“ geschrieben haben?

 

Marva Aurin (MA):In meinem Beruf als Heilpädagogin sowie als dreifache Mutter erkannte ich mit der Zeit, dass es überall Kinder gibt, die nicht der Norm entsprechen; Kinder die sich sozial nicht in eine Klassengemeinschaft eingliedern wollen, die nicht Lesen und Schreiben lernen wollen oder können; Kinder, die sogar von außerirdischen Wesen, Naturgeistern oder anderen Wahrnehmungen berichten. Das war eine unglaubliche Entdeckung, weil ich selber auch ein Kind war, das den äußeren Anforderungen nicht entsprechen wollte und für die Norm so gar nicht geschaffen war.

Innerhalb meines Berufes sah ich Kinder und Eltern, die am Rande der Verzweiflung standen, weil es niemand gab, der diese Kinder verstand. Es geschah, dass Kinder als „dumm“ bezeichnet wurden, die aber bei genauer Beobachtung Genialitäten aufwiesen, die nur nicht in das herkömmliche „Schema“, in die Norm passten.

Dieses Thema beschäftigte mich so tief, dass ich das dringende Bedürfnis in mir spürte, darüber zu schreiben.

 

Wie ist das Schreiben des Buches vor sich gegangen,wie hat es sich entwickelt?

 

MA: Geschrieben habe ich schon immer; schon als Kind. Es war stets meine Art, Dinge zu verarbeiten, zu verstehen und wiederzugeben. Auch als ich Mutter wurde und mich diese Aufgabe ganz erfüllte, lebten trotzdem viele Ideen in mir. Jeden Tag beobachtete ich die Kinder auf dem Spielplatz, in der Nachbarschaft, und ich erfand in mir eine Geschichte, die sowohl stark von meiner eigenen Kindheit geprägt war, als auch unmittelbar mit dem zusammenhing, was ich um mich herum beobachten konnte. Zunächst koppelte ich diese Idee mit meinen Tagebuchaufzeichnungen, dachte mir z. B. beim Putzen ein neues Kapitel aus, schrieb es in der Nacht auf – zwischen die verschiedenen Einträge von Alltagsgeschehnissen. Später löste ich die Kapitel über „Stella“ aus dem Tagebuch heraus und suchte mir gezielt kleine Zeiträume zum Schreiben. Stets hatte ich die Worte bereits im Kopf, formulierte sie im Inneren und brauchte sie dann nur noch aufzuschreiben. Trotzdem dauerte es sieben Jahre, bis alles aufgeschrieben war und sich zu einer fortlaufenden Geschichte gestaltet hatte.

 

Am Schluss des Buches schreibt Stella in der Ich-Form. Heißt das, dass es Stella auch im realen Leben gibt und dass Stella Ihnen ihre Geschichte erzählt hat?

 

MA: Stella gibt es auf eine Weise ganz real: In ihren Erlebnissen ist sie real und authentisch! Die äußere Handlung ist – besonders im zweiten Teil des Buches – in Bilder getaucht, die Stellas Wahrnehmungswelt deutlicher und verständlicher machen.

Ich selber betrachte mich im Schluss als Stella, weil ich den vielen Kindern zugehört habe, sie beobachtet, mit ihnen gespielt, gearbeitet habe und weil meine eigene Wahrnehmungswelt mit derjenigen von Stella sehr verwandt ist.

Der Schluss stellt eine Art Überblick dar über meine eigene Wahrnehmungswelt und diejenige vieler anderer Kinder und wahrscheinlich auch zahlreicher Erwachsener; ein Versuch zu erklären, wie ich Dinge beobachtete, deren Existenz viele Menschen gar nicht kennen.

 

Wie sind Sie zu den Wortneuschöpfungen gekommen, mit denen Sie die besonderen Wahrnehmungen und Fähigkeiten von Stella beschreiben?

 

MA: Als ich „Stella“ langsam „zum Leben erweckte“, war mir klar, dass ich eine „andere“ Sprache finden musste. Schließlich erlebt Stella Dinge, die sich jenseits unserer Begriffswelt bewegen. Wenn ich beispielsweise schreibe: „… Raum vertönt und Zeit setzt sich auf Wolkenränder, zum Fallen bereit, Vogelgesang in Zeitkästchen und Sonnenstrahlen in klangfarbenen Tüten …“ (Zitat aus „Das stille Kapitel“ in „Stella, das Ohrenmädchen“), kann der Leser zunächst bei rein rationalem Denken nichts verstehen. Aber im Laufe des Buches taucht der Leser in die Welt Stellas ein, indem er immer wieder mit solchen Wortschöpfungen konfrontiert wird. Es erklingt dadurch eine ganz bestimmte Stimmung, die durch das Bildhaft-Absurde den Leser einlädt, in eine „Nicht-begriffliche Welt“ einzutauchen. Voraussetzung allerdings ist, dass man sich darauf einlässt, sonst bleibt es absurd.

Während ich schrieb, habe ich eine sehr genaue Vorstellung von Stellas Empfindungen und Wahrnehmungen gehabt, ich spürte sie deutlich in mir selber; dann suchte ich nach Worten und Begriffen dafür. Manchmal dauerte eine Formulierung bis zu zwei Jahren, weil ich sie immer wieder veränderte.

 

Inwiefern sind auch Ihre eigenen Erfahrungen eingeflossen?

 

MA: Im Grunde fußt der gesamte innere Erlebnisbereich Stellas auf eigenen Erfahrungen, denn wie hätte ich Stellas Wahrnehmungswelt beschreiben können, ohne sie selber erfahren zu haben? Selbst wenn ich mit Kindern gearbeitet habe, die mir durch ihre Äußerungen zeigten, dass sie sensitiv waren, habe ich das an mir selber erlebt und nachempfunden.

Wie kann ich sicher sein, dass ich den Wahrnehmungsbereich anderer Kinder nachempfunden habe? Ganz einfach: Sie haben mir gezeigt, dass sie sich verstanden fühlten, und mir ihr Herz geöffnet, indem sie mir z. B. ihre Geheimnisse oder Ängste anvertraut haben.

 

Welche Reaktionen haben Sie bisher auf das Buch bekommen?

 

MA: Die Reaktionen waren äußerst unterschiedlich. Sie reichten von: „Ich habe es nach zwei Kapiteln in die Ecke geschmissen“ bis zu „Ich habe es in einer Nacht gelesen und dann drei Tage geheult, endlich habe ich einiges verstanden!“

 

 

Die Fragen stellte und den Überblick schrieb:

Philip E. Jacobsen

Praxis für Biografiearbeit, CH-8623 Wetzikon, www.praxisbiografiearbeit.ch